Was leise gewachsen ist

Wenn du selber Kinder hast, verfolgst du wahrscheinlich gespannt ihre Entwicklung und freust dich an jedem Entwicklungsschritt. Du bist begeistert über die ersten Worte, die ersten Schritte, um nur ein paar klassische Meilensteine aufzuzählen. Wenn du Fotos anschaust, die vor einer Weile entstanden sind, kannst du den Entwicklungsprozess gut wahrnehmen. Oder wenn es nicht um deine eigenen Kinder geht, sondern um Kinder von Freunden und Verwandten, die du nicht regelmäßig siehst, dann fallen dir diese Entwicklungsschritte noch viel deutlicher auf. Mit einem Schmunzeln denke ich da an meine Oma, die schonmal sagte: „Bist du aber wieder groß geworden!“ Auch wenn wir als Kind oder Jugendlicher bei einem solchen oder ähnlichen Satz vielleicht manchmal die Augen verdreht haben, bringt er ja eigentlich nur zum Ausdruck, dass Veränderung, neu Gelerntes und Entwickeltes, für den anderen sichtbar ist. Und oft können wir auch die Freude und Begeisterung des anderen darüber spüren.
Ich kann mich als Mutter heute immer noch an Bildern freuen, auf denen solche Entwicklungsschritte meiner Kinder festgehalten sind, auch wenn sie mittlerweile längst erwachsen sind. Ich kann die Begeisterung wahrnehmen, die ich gespürt habe, als ich Zeuge sein durfte. Und auch wenn es dann ganz schnell „normal“ ist, dass ein Kind z.B. laufen kann, bleibt diese positive emotionale Verknüpfung mit dem Moment, gerade wenn es so ein „Klick“-Moment war. Wo von einem auf den anderen Moment ein deutlicher Sprung sichtbar geworden ist, der sich schon lange im Verborgenen vorbereitet hatte.
Andere Entwicklungsschritte vollziehen sich vielleicht in nicht so deutlich wahrnehmbaren Sprüngen, aber auch sie kann ich wahrnehmen, wenn ich den Zeitraum etwas größer mache, innerhalb dessen ich vergleiche – nicht mit einer dritten Person, sondern die Person mit sich selber zu unterschiedlichen Zeitpunkten.
Der Vergleich mit mir selbst ermutigt
Genau so kann ich Bilder von mir selbst anschauen, um meinen Entwicklungsweg wahrzunehmen. Und damit meine ich nicht nur Fotos, obwohl die manchmal sehr leicht sichtbar machen, was sich entwickelt hat. Sondern auch Erinnerungen, Bilder, die ich in meinem Kopf trage. Eintragungen in meinem Tagebuch oder wenn ich mich an Erlebnisse und Begegnungen erinnere, die länger zurück liegen.
Wenn ich mich mit der Gudrun von vor … Jahren vergleiche und meinen Blick dabei auf das richte, was ich heute besser kann als damals, was ich vielleicht heute überhaupt erst kann, dann werde ich unweigerlich Entwicklung wahrnehmen. Mir werden Dinge in den Blick fallen, die ich vor Jahren vielleicht gar nicht für möglich gehalten hätte, die mir heute wie selbstverständlich von der Hand gehen. Ich werde Dinge finden, die mir einmal furchtbar wichtig waren, die ich können wollte und die heute nicht mehr wichtig für mich sind – auch das ist Entwicklung, ermutigt und setzt frei. Ich erkenne mich mehr als die, die ich bin. Ich sehe, dass nicht alles bleibt, wie es ist, dass ich gelernt habe, mit Dingen anders umzugehen oder neue Ziele entdeckt habe. Dass ich Fähigkeiten weiterentwickelt habe.
Wenn ich zurückblicke auf eine Krise in meinem Leben, dann kann ich feststellen, dass ich daran gewachsen bin. In der Situation selbst habe ich vielleicht eher Schwere und Ausweglosigkeit empfunden; vielleicht hatte ich sogar den Eindruck, dass ich das nicht schaffen kann. Im Rückblick erst kann ich wahrnehmen, was entstanden und gewachsen ist. Dass ich gereift bin.
Der Vergleich mit meinem früheren Ich richtet den Blick auf meine eigene persönliche Entwicklung. Mich anhand meiner wahrgenommenen Fortschritte zu ermutigen, stärkt mein Selbstwertgefühl, reduziert Druck und führt mir vor Augen: Ich habe schon so vieles gemeistert! Ich habe vielfältige Stärken und Kompetenzen entwickelt. Ich nehme auch die kleinen Schritte wahr und mir wird vielleicht sogar klarer, wohin ich mich entwickele. Was meine persönlichen Ziele sind. Wo ich Sinn finde und was ich leben möchte. Was mir für mein Leben wichtig ist. Fortschritte bei mir selbst wahrzunehmen, weitet meinen Blick für den Umgang mit Herausforderungen im Heute und schenkt mir Klarheit.
Praktisch werden
- Was hilft dir, deine Fortschritte, deine Entwicklung bewusster wahrzunehmen? Wie kannst du es dir vielleicht sogar zu einer täglichen Gewohnheit machen, deine Fortschritte aufzuspüren, wie kannst du deinen Blick für deine Entwicklung und dein Wachstum stärken? Wie kannst du wahrnehmen, was leise gewachsen ist? Vielleicht helfen dir diese Fragen:
- Was ist mir heute gut gelungen?
- Was mache ich heute anders/besser/sicherer/mit mehr Leichtigkeit/selbstverständlicher/ … als früher?
- Wo habe ich heute mehr Klarheit über mich gewonnen, als ich sie früher hatte? Wer ich bin, wohin ich will, was in mir brennt?
- Wenn dir etwas auffällt, was noch nicht so gut klappt, wie du es dir wünschst, wo du anfängst entmutigend mit dir selbst zu sprechen, dann bleib dabei nicht stehen! Mach nicht so wichtig, was (noch) nicht klappt. Es ist okay, das nicht alles so funktioniert, wie du es erwartest, du bist auf dem Weg, du bist gut genug. Genauso wie du als Kind Dinge gelernt hast, so lernst du auch als Erwachsener weiter und befindest dich in Entwicklung. Vielleicht kannst du in so einem Moment deinen Blick weiten, indem du ehrlich wahrnimmst, was ist: „Ich kann noch nicht so gut … „. Und dann aber deinen Fokus gleichzeitig auf etwas richtest, was du schon besser kannst als früher, was sich entwickelt hat und gewachsen ist: „…, aber ich kann schon besser als damals …“. Das muss nichts Großes sein. Und es muss auch kein Zusammenhang bestehen. Alleine die Tatsache, dass du deine Perspektive veränderst, verändert etwas in dir.
- Und: Schreibe auf und halte fest, was du entdeckst. Lege dir ein schönes Ermutigungsbuch an. Oder einen Ordner auf deinem Handy oder Tablet. So kannst du dir all das immer wieder vor Augen führen, was du gelernt hast, was du umgesetzt hast, wo du drangeblieben bist, was sich entwickelt hat, wo du gewachsen bist … und dir Selbstermutigung durch den Vergleich mit dir selbst gönnen.
Der Vergleich mit dir selbst richtet den Blick auf deinen eigenen Weg. Du stärkst dein Selbstwertgefühl, förderst deine persönliche Entwicklung und reduzierst den unnötigen Druck, der so schnell durch den Vergleich mit anderen entsteht. Probiere es einfach einmal aus!
Bildnachweise: © Bob Brewer - Unsplash